Der 917XFM - Blog

Internet – dieses wilde, verrückte Land der unbegrenzten Möglichkeiten - nutzen auch wir jetzt! Unser Blog soll informieren, Hintergründe liefern, weiterbilden und unterhalten. Und wenn wir mal was zu sagen haben, dann kommt das von uns oder von unseren Freunden Mit Vergnügen oder von Gastbloggern.
Lest jetzt!

Bild (Credit Andreas Oetker-Kast)

Clubplan: Im Club mit Johannes Oerding

Im Club mit … Johannes Oerding

 

Jeden Monat sprechen wir mit einer Hamburger Band oder einem/einer KünstlerIn über die hiesige Clublandschaft. Diesen Monat mit: Johannes Oerding.

 

Johannes, du wirst regelmäßig als „Live Junkie“ bezeichnet. Was ist so toll daran, auf der Bühne zu stehen?

Johannes Oerding: Konzerte zu geben ist für mich die Essenz des Musiker Berufs. Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass es das Einzige ist, was mich wirklich zu 100 Prozent glücklich und zufrieden macht. Wenn ich mal eine Woche Pause habe, sitze ich nach zwei Tagen zu Hause und weiß nichts mit mir anzufangen! Das ist wie eine Sucht für mich.            

 

Letztes Jahr hast du 150 Konzerte gespielt. Ist man da noch nervös, oder wird es irgendwann normal, im Scheinwerferlicht zu stehen?

Oerding: Mein Konzept ist ja, jeden Abend ein besonderes Konzert zu geben. Dazu lese ich mir vorher an, was den Ort ausmacht, an dem ich spiele. So kann ich mit den Leuten spontan in Dialog treten. Die musikalischen Säulen stehen, aber zwischen den Songs passiert sehr viel. Von daher bin ich schon vor jedem Auftritt nervös. Sobald die ersten Akkorde gespielt sind, fällt das ab, aber bevor ich auf die Bühne gehe, kriege ich definitiv kleine Adrenalinschübe.

 

Letztes Jahr hast du in Hamburg deine erste Live-DVD aufgenommen. Sind Konzerte in Hamburg für dich etwas Besonderes?

Oerding: Auf jeden Fall! Ich lebe jetzt seit 15 Jahren in Hamburg, hier habe ich angefangen mit meiner eigenen Musik raus zu gehen, ich bin in fast jedem Club aufgetreten – und irgendwie habe ich das Gefühl, dass Hamburg mich mag. Obwohl ich nur Wahlhamburger bin, stehe ich inzwischen für die Hamburger Musikszene. Das finde ich toll.

 

Welches deiner Hamburg-Konzerte wirst du nie vergessen?

Oerding: Da gibt es drei: Mein allererstes Konzert im Rahmen der „Lausch Lounge“ im Hörsaal. Unter den 30 Leuten im Publikum war auch Udo Lindenberg, der danach zu mir sagte, ich hätte eine „Kehle aus Gold“ (lacht). Er weiß das heute nicht mehr, aber für mich war das ein riesiger Motivationsschub. Toll war auch, als ich zwei Abende in Folge das Knust ausverkauft habe, denn dort war ich selbst auf so vielen Konzerten. Und der größte Meilenstein war natürlich die Sporthalle. Das kam meinem Kindheitstraum schon sehr nahe, als auf einmal 7.000 Leute meine Lieder sangen.

 

Gehst du selbst noch gerne auf Konzerte?

Oerding: Absolut, das ist eines meiner größten Hobbys. Wenn Kollegen wie Bosse, Philipp Poisel oder Andreas Bourani in der Stadt sind schaue ich vorbei. Ich gucke mir aber auch oft Konzerte von jungen Kollegen an, weil ich ständig auf der Suche nach Vorbands bin. Gestern erst war ich im Kleinen Donner auf der „Session.One“, das ist eine Serie, die jeden ersten Dienstag im Monat stattfindet. Erst spielen zwei Bands aus dem Bereich R&B, New-Soul, Soul oder HipHop, danach gibt es eine offene Session, bei der jeder spielen kann. Das ist immer ein geiler Vibe. Manchmal mache ich sogar selbst mit – das hängt von meinem Bier-Pegel ab.

 

Wo gehst du sonst gerne hin, wenn du in Hamburg ausgehst?

Oerding: Da ich mitten in der Schanze lebe, liegen viele Dinge vor der Tür. Meine Ausgehkultur hat sich allerdings verändert. Ich gehe nicht mehr in einen Club, wo ich den ganzen Abend durchtanze, sondern ziehe eher von Kneipe zu Kneipe – da gibt es in der Schanze ja viele Möglichkeiten. Die Daniela Bar zum Beispiel.

 

Was macht einen guten Club aus?

Oerding: Ich finde es erschreckend, wie viele unfreundliche Leute in der Schanze arbeiten. Ich mache da noch nicht mal dem Service-Personal einen Vorwurf, denn es muss ihnen ja jemand vorleben. Mir ist wichtig, dass Leute aufmerksam sind und nicht so pseudo-cool. Und in Sachen Konzertclubs finde ich es toll, wenn ein Laden ein bunt gemischtes Programm hat, so wie im Kleinen Donner: Mal sind da DJs, mal Live-Bands, und es treffen sich alle Genres.

 

Wie würdest du die Hamburger Clublandschaft insgesamt beschreiben?

Oerding: Ich finde sie ist sehr unaufgeregt – nicht so verrückt wie in Berlin, wo die Leute oft völlig am Rad drehen. In Hamburg wird man nicht so reizüberflutet, die Feierei ist hier bodenständiger und entspannter. In Sachen Konzertclubs sind wir natürlich mega gut aufgestellt: Wir haben eine Menge renommierte Clubs, die gut klingen. Aber auch für Newcomer gibt es viele Bühnen und Sessions, wo sie sich einfach mal ausprobieren können, zum Beispiel im Goldfischglas in der Schanze oder im Knust.

 

Mal angenommen du würdest zum nächsten Kultursenator gewählt werden – wo würdest du den dringendsten Handlungsbedarf sehen?

Oerding: Puh, das ist schwierig. Ich glaube ich würde irgendetwas mit dem Bunker an der Feldstraße machen. Vielleicht einen weiteren Club? Aber eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der Kulturlandschaft in Hamburg, also ist es wahrscheinlich am besten, wenn ich einfach weiter Musik mache.

 

Im August spielst du zwei Mal im Stadtpark. Wenn du die freie Wahl hättest, wen würdest du gerne einladen mit dir auf der Bühne zu stehen?

Oerding: Da ich ja gerade mit Udo Lindenberg auf Tour war und das total viel Spaß gemacht hat, würde ich ihn einladen. In meinen Kopf geistern tatsächlich schon viele Ideen herum, was ich mir für die Konzerte Besonderes einfallen lassen kann – vielleicht auch genreübergreifend, dass ich mal einen Rapper mit ins Boot hole. Also die Leute können gespannt sein.

 

Bei welchem Konzert würdest du im August gerne auf der Gästeliste stehen?

Oerding: Ich kaufe Tickets lieber, als dass ich mich auf die Gästeliste schreiben lasse. Im August würde ich gerne zu Tito & Tarantula am 18. August im Logo. Ich habe neulich erst wieder den Tarantino-Streifen „From Dusk Till Dawn“ gesehen, wo sie ja den Soundtrack gemacht haben, und die haben einfach geile Songs. Dann, um mal was anderes zu machen, Helge Schneider am 19. August im Stadtpark. Den habe ich noch nie live gesehen. Und wenn ich nicht selber spielen würde, würde ich am 27. August zu meinem guten Freund Sebo ins Uebel & Gefährlich gehen. Das ist der kleine Bruder von Flo Mega, ein unglaublich guter Musiker.

 

Hast du noch ein letztes Wort für die Hamburger Clubgänger?

Oerding: Unterstützt Newcomer und kleine Bands! Wenn bei Sessions ein Hut herum geht, einfach mal fünf bis zehn Kröten reinstecken oder die CD kaufen.

 

Das Interview führte Nadine Wenzlick.

 

 

ZUR PERSON

Johannes Oerding wurde am 26. Dezember 1981 in Münster geboren und wuchs in Geldern-Kapellen am Niederrhein auf. Vor 15 Jahren zog er nach Hamburg, um seine Musikkarriere voran zu treiben. Nach Tourneen im Vorprogramm von Künstlern wie Simply Red, Ich + Ich und Stefanie Heinzmann veröffentlichte er 2009 sein Debüt „Erste Wahl“. Mit seinem vierten Album „Alles brennt“ schaffte er es auf Platz 3 der deutschen Charts, die Platte hat sich bisher über 200.000 Mal verkauft. Oerding ist mit der Sängerin Ina Müller liiert und lebt in St. Pauli.

 

ZUR MUSIK

Für Johannes Oerding gibt es nichts größeres, als auf der Bühne zu stehen, deshalb brachte er Ende letzten Jahres seine erste Konzert-DVD „Alles brennt – Live in Hamburg“ auf. Die Show wurde in der ausverkauften Sporthalle aufgezeichnet und umfasst 22 Songs: Fast alle Stücke des Erfolgsalbums „Alles brennt“ sowie ältere Klassiker wie „Nichts geht mehr“ und „Engel“. Obendrauf gibt es einen 32-minütigen, intimen Einblick in den Backstage-Bereich.

 

 

JOHANNES OERDING live in Hamburg

Datum: 26. und 27. August 2016 Ort: Stadtpark

Einlass: 18 Uhr Beginn: 19 Uhr

Tickets: 35,00 Euro

 

Konzerte, Partys, Tipps und Interviews findet ihr im CLUBPLAN. Jeden Monat neu in allen teilnehmenden Clubs, Konzertkassen,  Hostels, Plattenläden, Tourist Infos und online.

 

 

 

digitalism_mirage-3

Clubplan: Im Club mit Digitalism

Jeden Monat sprechen wir mit einer Hamburger Band oder einem/einer KünstlerIn über die hiesige Clublandschaft. Diesen Monat mit: Jens Moelle und Ismail „Isi“ Tüfekçi von Digitalism.

 

Als DJs legt ihr mittlerweile rund um den Globus auf. Könnt ihr euch noch an euren allerersten Clubbesuch erinnern?

Jens: Das war mit 16, schön in die Großraumdisco – das Traffic in Kaltenkirchen. Mit einer Flasche Wodka in der Hand. Das war nicht so toll (lacht). Ende der Neunziger, Anfang der Zweitausender Jahre fing es an mit richtig losgehen, im La Cage und im Moondoo. Dort haben wir dann auch zuerst selbst aufgelegt.

Isi: Ich bin früher an vielen Türen gescheitert. Ich sah immer jünger aus, vielleicht lag es aber auch an meiner Haarfarbe. Ich bin auf jeden Fall oft nicht rein gekommen. Irgendwann hat sich das zum Glück gewandelt und ich hatte den Clou raus.

 

Welchen eurer eigenen Auftritte werdet ihr nie vergessen?

Isi: In Basel gibt es einen Club namens Hinterhof. Als wir das erste Mal dort gespielt haben, stand Weihnachten bevor, deswegen haben wir ein paar Freunde mitgebracht und den Abend gleichzeitig als Weihnachtsfeier deklariert. Das war so ein Abend, der total magnetisch war – und an dem man von der Bühne kommt und das Gefühl hat, dass man 38 Mal geduscht hat…

Jens: Oder noch 38 Mal duschen muss (lacht).

 

Was macht einen Abend magnetisch?

Isi: Wichtig ist, dass man selber abliefert. Die Aufgabe eines DJs ist ja, die Leute auf die Tanzfläche zu kriegen. Hits zu spielen, die jeder kennt, ist natürlich einfach. Die wahre Kunst ist es, wenn man die Leute zum Abgehen bringt, auch wenn sie die Songs nicht kennen.

Jens: Das Beste ist, wenn das Publikum und die DJs irgendwie synchronisiert sind. Wenn beide Parteien auf dasselbe Bock haben.

 

Was bringt euch als DJs auf die Palme?

Jens: Ein schlechtes Warm Up. Wenn der Club gerade erst aufgemacht hat und der erste DJ schon voll abballert – das geht gar nicht, haben wir aber oft miterlebt. Da muss schon noch Luft nach oben sein.

 

Wenn ihr heute privat ausgeht, findet man euch dann eher auf der Tanzfläche oder eher an der Bar?

Isi: Das kommt immer drauf an. Als ich neulich mal wieder im Baalsaal war, habe ich die meiste Zeit an der Bar verbracht, weil ich eine Million Leute getroffen habe, die ich ewig nicht gesehen hatte. Aber ab und zu schwinge ich zwischendurch schon das Tanzbein.

Jens: Ich bin in Hamburg fast nie unterwegs, ich nutze die Zeit hier eher zum runterkommen. Wenn ich mal ausgehe, gehe ich gerne ins Ego. In London dagegen bin ich eher der Pub-Typ. Oder ich gehe ins XOYO, weil da immer viele Leute auflegen, die ich kenne.

 

Was macht einen guten Club aus?

Jens: Ein guter Club muss seine eigene Szene haben. Das gibt es leider kaum noch, weil die Leute nicht mehr so involviert sind. Aber wenn ein Club für eine bestimmte Zeit steht und sich aus ihm heraus etwas entwickelt – das finde ich gut. So wie beim Golden Pudel Club hier in Hamburg oder dem Rex Club in Paris. Die sind auch verbunden mit bestimmten Namen oder einem bestimmten Sound, der von da kommt.

Isi: Die Clubs, die Jens aufgezählt hat, gibt es ja alle nicht erst seit gestern. Auch das ist ein Zeichen für einen guten Club: Dass es ihn schon lange gibt.

 

Wie würdet ihr die Hamburger Clublandschaft beschreiben?

Isi: Zum Weinen und zum Lachen. Ich lache darüber, was viele Leute denken, und ich weine, weil es in Hamburg keine richtige Clubszene gibt. Das ist echt traurig.

Jens: Es gab mal eine…

Isi: Ja, im Neidclub phasenweise oder auch im Front. Aber es ist immer ein Kommen und Gehen. Ich glaube das liegt auch an den Leuten. Sie könnten sich mehr trauen. Vieles wird nicht gemacht, weil man es für zu gefährlich hält.

Jens: Hamburg ist sehr uniform. Sehr hanseatisch und zurückhaltend. Wobei ich mich manchmal frage, ob das nicht vielleicht sogar überall so ist. Auch durch das Internet und so. Die Leute gehen nicht mehr die ganze Nacht weg, denn sie verpassen ja nichts. Man kann ja alles auf Instagram oder Boiler-Room nachgucken. Das macht vielleicht auch ein bisschen was kaputt.

 

Mal angenommen ihr würdet zum Kultursenator gewählt werden, was wäre eure erste Amtshandlung?

Isi: Ich würde einen Bandbunker auf professioneller Ebene aufziehen. Mit Räumen für Bands, professionellem Studio, oben einer Dachterrasse, unten Proberäume. Ansonsten finde ich es echt super, dass die Stadt das Reeperbahn Festival supportet. Oder auch, dass es das Dockville gibt. Ich würde noch mehr Open Airs zulassen. Zum Beispiel auf dem Heiligengeistfeld. Und zwar nicht nur mit 98 Dezibel, sondern mit 120.

Jens: Ich bin ja großer Fan der City Nord und dort soll die Post-Pyramide abgerissen werden. Stellt euch mal vor, was man da alles rein machen könnte! Einen richtig tollen Club.

 

Wen würdet ihr für den Eröffnungsabend buchen?

Jens: Eigentlich egal, Hauptsache der Vibe stimmt!

Isi: Für den ersten Abend würde ich Marc Schneider von Word and Sound buchen. Der versteht richtig viel von Musik. Und als Band würde ich die Talking Heads einladen. Mein Club wäre aber eher klein und mit einem bunten Programm. Hamburg war ja zum Beispiel immer berühmt für Jazz. Ich würde viele verschiedene Sachen veranstalten.

 

So lange das noch Wunschträume sind: Bei welchem Konzert würdet ihr im Juni gerne auf der Gästeliste stehen?

Isi: Beim Hurricane Festival am 24. Juni, und zwar um uns selbst spielen (lacht). Und natürlich die vielen anderen Bands.

Jens: Ich nehme Sean Paul am 28. Juni in der Sporthalle. Das ist direkt bei mir um die Ecke.

 

 Das Interview führte Nadine Wenzlick.

 

ZUR BAND

Jens „Jence“ Moelle und İsmail „Isi“ Tüfekçi machen bereits seit 16 Jahren gemeinsam Musik, 2004 gründeten sie das Elektro-Duo Digitalism. Ihr Debütalbum „Idealism“ fand international große Beachtung, 2011 folgte das zweite Album „I Love You Dude“. Inzwischen touren Digitalism unaufhörlich um den Globus, haben als Live-Act vom Coachella bis zum Melt! auf den größten Festivals gespielt und als DJ Team in den angesagtesten Clubs aufgelegt. Zuletzt hatten sie eine eigene Residency in dem hippen Londoner Club XOYO – Moelle hat in der britischen Hauptstadt mittlerweile seinen Zweitwohnsitz.

www.thedigitalism.com

 

ZUR MUSIK

Nicht so viel nachdenken, sondern einfach machen – mit diesem Ansatz gingen Digitalism an ihr drittes Album „Mirage“. Das Ergebnis ist wahnsinnig bunt und vielseitig: Da sind tanzbare Elektro-Tracks wie das Eröffnungsstück „Arena“, Indie-Songs wie „Destination Breakdown“ oder auch das geradezu punkige und scheppernde „Battlecry“, das der ehemalige Dirty-Pretty-Things-Gitarrist Anthony Rossomando singt. Mit „Mirage, Pt. 1“ und „Mirage, Pt. 2“ haben Digitalism derweil einen insgesamt fast 13 Minuten langen Doppeltrack geschrieben und über die zerschredderten Elektro-HipHop-Beats von „Ism“ legten sie einen Rap ihres amerikanischen Tourbusfahrers Tony Wilson.

 

DIGITALISM live

 

Datum: 28.10.2016 im Gruenspan | Tickets: 26€

Konzerte, Partys, Tipps und Interviews findet ihr im CLUBPLAN. Jeden Monat neu in allen teilnehmenden Clubs, Konzertkassen,  Hostels, Plattenläden, Tourist Infos und online.

 

Viktor-Hacker-3

Clubplan: Im Club mit ….Viktor Hacker

Jeden Monat sprechen wir mit einer Band oder einem/einer KünstlerIn über die hiesige Clublandschaft. Diesen Monat: Kabarettkünstler, Synchronsprecher und Türsteher Viktor Hacker.

 

Viktor, seit 30 Jahren stehst du vor den Eingängen von Hamburgs Clubs. Was ist am Türsteher-Job so unterhaltsam, dass du mit deinen zwei Mitstreitern daraus ein Bühnenprogramm gemacht hast?

Viktor Hacker: Der Humor entsteht in der Kommunikation mit den Gästen. Ich versuche das immer so zu beschreiben: Als Türmann ist man im Grunde ein Schiedsrichter, ähnlich wie beim Fußball. Mit den Entscheidungen, die man fällt, werden 50 Prozent der Anwesenden nicht einverstanden sein und diskutieren wollen. Jetzt stelle man sich diese 50 Prozent noch besoffen vor, und das Spiel dauert nicht 90 Minuten, sondern acht Stunden. Dann hat man eine Vorstellung davon, was es bedeutet, Türmann zu sein.

 

Welchen Abend wirst du nie vergessen?

Viktor Hacker: Skurrile Geschichten passieren viele. Im Roschinsky’s hat sich eines Abends ein Gast einen Joint gebaut. Ich gab ihm zu verstehen, dass er den bitte draußen rauchen muss. Als ich fünf Minuten später wieder an ihm vorbei kam, wollte er das Ding gerade anzünden, also habe ich ihm den Joint weggenommen, bin damit raus gegangen und habe ihn auf den Gehweg geschmissen. Der Typ ist dann erst mal weggelaufen – und kam mit der Polizei im Schlepptau zurück (lacht). Er wollte ernsthaft versuchen, mich wegen Diebstahl anzuzeigen.

 

Was ist die wichtigste Regel für einen Türsteher?

Viktor Hacker: Nerven bewahren! Du bist nüchtern, die anderen sind betrunken – oder sogar mit anderen Substanzen verunreinigt. Man darf die Leute deshalb nicht so behandeln, wie man im normalen Alltag mit ihnen sprechen würde. Man muss für sie mitdenken. Und man sollte nie rigoros nein sagen. Immer ein bisschen vage bleiben und locker mit ihnen reden. Das entspannt viele Situationen.

 

Wer muss bei dir draußen bleiben?

Viktor Hacker: Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, warum jemand nicht in einen Club hinein darf oder wieder hinaus muss: Wenn er unfreundlich und aggressiv ist, oder wenn er zu viel getrunken hat. Auf dem Kiez ist das alles kein Problem, da gehen die Leute einfach wo anders hin. Bei der Großraumdisco auf dem Land, wo ich früher auch an der Tür stand, ist das anders, da müssen die Leute rein. Die sind extra 20 Kilometer gefahren! Das gibt auf jeden Fall eine Schlägerei (lacht).

 

Wenn du nicht selbst vor irgendeiner Tür stehst, wo gehst du in Hamburg gerne hin?

Viktor Hacker: Ich bin gerne in Läden, die etwas abseits sind. Im Gun Club zum Beispiel, oder im Chug Club von Bettina Kupsa in der Taubenstraße. Läden, die keine Laufkundschaft haben, sondern wo die Leute gezielt hinkommen. Ich gehe nach wie vor gerne aus, weil ich dann immer merke, dass die meisten Gäste völlig okay sind. Das entspannt und entkrampft mich für die nächste Schicht.

 

Was macht einen guten Club aus?

Viktor Hacker: Es gibt kein Geheimrezept, das ist das fiese. Der Laden muss Seele haben. Die Musik muss gut sein – eine Balance zwischen massentauglicher Musik und speziellem Charme. Und der Besitzer und das Team müssen Bock haben. Das merkt man auch daran, dass das Personal nach der Schicht oder an freien Tagen am Tresen sitzt. Dann hat der Laden Gesicht – das spüren auch die Gäste und das ist die beste Werbung. Das Roschinsky’s ist so ein Laden. Der ist immer voll, seit es den gibt, und keiner weiß genau warum.

 

Wie würdest du die Hamburger Clublandschaft insgesamt beschreiben?

Viktor Hacker: Verzweifelt. Zwar sind an guten Wochenenden bis zu 100.000 Menschen auf dem Kiez unterwegs, aber für viele Clubs – gerade Live-Clubs – ist es schwierig, davon etwas abzugreifen. Denn die Menschen in Hamburg sind satt. Es gibt so ein großes Angebot und kleine Läden haben dadurch oft richtig zu kämpfen. Zumal von den Behörden permanent neue Bestimmungen und Regeln eingeführt werden. Und die Kioske, die das Billigbier raushauen, sind sowieso die Pest. Oft frage ich mich, ob Leute wie Andi vom Molotow überhaupt noch Geld verdienen, oder ob das nur noch Idealismus ist.

 

Mal angenommen du würdest zum nächsten Kultursenator gewählt werden, was wäre deine erste Amtshandlung?

Viktor Hacker: Ich würde versuchen diesen ganzen Vorschriftenkatalog zu entfilzen. Wenn du alte Häuser mit Innenhöfen wie auf dem Hamburger Berg hast, wie willst du da einen Fluchtweg schaffen? Da müsste man die Häuser dahinter abreißen. Außerdem würde ich steuerliche Erleichterungen schaffen für kleine Läden und solche, die neu aufmachen – statt das ganze Geld in irgendwelche Großprojekte zu stecken.

 

Mal angenommen du würdest einen Club aufmachen, wie wäre der?

Viktor Hacker: Ich würde nie einen Club aufmachen, weil ich weiß, dass das schief gehen würde (lacht). Aber wenn doch, wäre es ein Punk-Rock, Oi und Psychobilly Laden, weil das die Ecke ist, aus der ich komme. So für 70 bis 100 Leute, mit einer kleinen Bühne für Kleinkunst, Musik, Liedermacher.

 

Solange der eigene Club Fantasie bleibt – wo würdest du im Mai gerne auf der Gästeliste stehen?

Viktor Hacker: Am 8. Mai würde ich gerne zu Kinky Friedman im Knust gehen. Das ist ein amerikanischer Singer/Songwriter, der sehr kritisch und kabarettistisch unterwegs ist. Er hat sich sogar mal als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen. Der Typ ist echt abgefahren. Dann würde ich noch zu The Aggrolites am 10. Mai im Monkeys Music Club gehen – übrigens eine sehr schöne Location – und zu The Baboon Show am 14. Mai im Knust – das sind Freunde von meinem Türsteherkollegen Henning. Bei der Hamburger Punkband Abwärts am 13. Mai stehe ich sogar schon auf der Gästeliste (lacht). Oft komme ich eh so rein, weil man mich kennt. Aber ich bezahle auch gerne.

 

Und wo stehst du im Mai selbst vor der Tür?

Viktor Hacker: Am 20. Mai stehe ich vorm Headcrash – kommt vorbei!

 

 

 

Hast du noch ein letztes Wort für die Hamburger Clubgänger?

Viktor Hacker: Ihr geht nicht zu einer Party, ihr seid die Party! Und noch eine Bitte: Glüht nicht so extrem vor (lacht).

 

Das Interview führte Nadine Wenzlick.


ZUR PERSON

Viktor Hacker wurde 1965 in Hamburg geboren. Seit 30 Jahren steht er als Türmann vor Hamburgs Clubs, heutzutage regelmäßig vor Headcrash, Klubsen und Freundlich + Kompetent. Seine humorvollen und dramatischen Anekdoten schreibt er nicht nur für den St. Pauli Blog nieder, sondern trägt sie gemeinsam mit seinen Kollegen „Intensiv-Dieter“ und Henning Geisler auch im Rahmen der beliebten Spoken-Word-Performance „Zeit für Zorn – Die Türsteherlesung“ vor. Darüber hinaus ist der ausgebildete Synchronsprecher und Kabarettkünstler regelmäßig auf den zahlreichen Kleinkunstbühnen der Stadt zu.

Zeit für Zorn

 

LESESTOFF

Die Erlebnisse von Viktor Hacker, „Intensiv-Dieter“ und Henning Geisler gibt es auch in Buchform: „Dumm & Brutal“ haben die drei Türsteher ihr erstes, im Eigenverlag erschienenes Buch genannt, es folgte die ergänzte Version „Dumm & Brutal 1.1“. Mitte Mai erscheint mit „Dümmer & Brutaler“ ihr mittlerweile drittes Buch. Es enthält brandneue Geschichten aus dem Hamburger Nachtleben – skurril, lustig und spannend.

 

 

ZEIT FÜR ZORN – DIE TÜRSTEHERLESUNG live in Hamburg

Datum: 18. Mai 2016 Ort: Schanzenzelt

Einlass: 19 Uhr Beginn: 20 Uhr

Tickets: 9,30 Euro

 

Konzerte, Partys, Tipps und Interviews findet ihr im CLUBPLAN. Jeden Monat neu in allen teilnehmenden Clubs, Konzertkassen,  Hostels, Plattenläden, Tourist Infos und online.

Im Club mit - Monsters Of Liedermaching

Clubplan: Im Club mit….Monsters Of Liedermaching

 

 

 

Jeden Monat sprechen wir mit einer Hamburger Band oder einem/einer KünstlerIn über die hiesige Clublandschaft. Diesen Monat mit … Peer Jensen alias Pensen Paletti und Torsten Kühn alias Der flotte Totte von Monsters of Liedermaching.

 

Am 1. Mai spielt ihr im Logo wieder euer jährliches „Katerkonzert“. Seid ihr Fans von Frühshoppen?

Pensen: Zumindest von dieser Art Frühshoppen! Man trifft uns jetzt nicht morgens um zehn in irgendwelchen Bars, aber musikalisches Frühshoppen finden wir super.

Totte: Das Katerkonzert gibt es ja schon seit dem zweiten Jahr unseres Bestehens. Unser eigentliches Konzert war damals ausverkauft und es standen so viele traurige Menschen vor der Tür, dass wir beschlossen haben, am nächsten Mittag einfach noch mal zu spielen. Mittlerweile ist daraus eine echte Tradition geworden. Das Katerkonzert ist immer ein bisschen anders, weil wir die Setlist umbauen und sehr viel seltenere Perlen spielen.

 

Wer von euch hat dabei den größten Kater?

Pensen: Vielleicht Burger, weil er am seltensten trinkt. Aber das Schöne ist: Am 1. Mai haben ja alle frei, das heißt die Leute im Publikum sind immer genauso fertig wie wir. Es ist alles ein bisschen langsamer, ein bisschen leiser. Und Eberhard, der Chef vom Logo, stellt als Katerfrühstück Soleier und Rollmöpse für alle hin. Da herrscht immer eine sehr muckelige Atmosphäre.

Totte: Die auch deshalb entsteht, weil alle so unausgeschlafen und verkatert sind. Das ist ein sehr magisches, gemeinschaftliches Erlebnis.

 

Nicht nur „Katerkonzerte“, sondern auch reguläre Shows habt ihr in Hamburg schon etliche gespielt. Von welchem werdet ihr noch euren Enkeln erzählen?

Pensen: Auf jeden Fall von unserem ersten Konzert im Logo. Das war das erste Mal, dass wir in einem richtigen Rock-Club gespielt haben. Davor sind wir eher in kleinen Cafés und so aufgetreten, aber als wir zum Tourabschluss nach Hamburg kamen, waren da auf einmal 200 Leute. Nicht wie sonst bloß Kollegen und Kumpels, sondern echte Fans. Die haben richtig mitgegrölt und alles. Das war schon ein bisschen rockstarmäßig.

 

In welche Clubs oder Bars geht ihr privat am liebsten?

Totte: Zum Biertrinken gehe ich gerne ins Querbeet in Altona. Das ist so eine kleine, zugewucherte Kneipe. Für Konzerte mag ich die Markthalle, und das Logo natürlich. Zu dem Laden haben wir ja eine geradezu familiäre Bindung. Vor kurzem war ich ein paar Mal im Uebel & Gefährlich – auch eine sehr schöne Location.

Pensen: In der Fabrik bin ich auch gerne, und im Gruenspan. Das Molotow gefällt mir sehr gut. Ach, eigentlich sind alle Hamburger Clubs toll.

 

Pensen, du bist im Januar bei der Preisverleihung des Club Awards aufgetreten. Welchen Hamburger Club würdet ihr auszeichnen und wofür?

Pensen: Ich würde das Logo dafür auszeichnen, dass es nur mit Live-Musik überleben kann. Die meisten anderen Clubs veranstalten auch Partys – aber wenn das Logo seine Türen aufmacht, spielt immer eine Band. Das finde ich beeindruckend.

Totte: Vom historischen Wert würde ich die Markthalle wählen, weil Charles Bukowski dort seine einzige Lesung überhaupt in Deutschland hatte. Gibt es auch als Buch: „Die Ochsentour“. Das war eine Lesung (lacht). Außerdem haben dort Police gespielt, Nirvana – wenn man da erst mal anfängt aufzuzählen…!

 

Was macht denn einen guten Club aus?

Totte: Man kann jetzt natürlich sagen gute Musik, aber das bedeutet ja für jeden etwas anderes. Ich finde es immer wichtig, dass die Leute, die den Club betreiben, nett sind.

Pensen: Genau, nettes und üppiges Tresenpersonal, das einen nicht eine halbe Stunde warten lässt.

Totte: Und bei dem man mit Bargeld bezahlen kann – nicht etwa mit Getränkebons. Außerdem finde ich es ganz schön, wenn es noch Toilettenbrillen gibt. Also Personal, Bargeld und Toiletten – wenn das stimmt, hat man meistens auch einen guten Abend.

 

Wie würdet ihr die Hamburger Clublandschaft insgesamt beschreiben?

Totte: Bunt! Und ideologisch relativ vernünftig. Man findet hier keinen Club, der rechte oder konservative Einflüsse zulässt, oder? Ich habe das Gefühl jeder ist willkommen, das gefällt mir sehr gut. Allerdings muss ich auch sagen: Wenn man sich wie Hamburg Kulturstadt auf die Fahnen schreibt, sollte man schon dafür sorgen, dass nicht nur die E-Kultur gefördert wird, sondern auch die Popkultur. Ich glaube, dass das ein Problem werden könnte, weil es den Clubs und Veranstaltern immer schwerer fällt, sich selbst zu finanzieren. So entsteht ein Konkurrenzdruck, der wenig förderlich ist.

 

Mal angenommen ihr wärt Kultursenator, was wäre eure erste Amtshandlung?

Pensen: Was kann der Kultursenator denn alles machen? Der hat Geld und kann es ausgeben? Ich würde für jede Schule zwei Gitarren, einen Bass und ein Schlagzeug kaufen und eine Rock AG oder so einrichten, die ihr jährliches Abschlusskonzert in einem richtig coolen Club spielt. Da könnte man doch auf jeden Fall Geld versenken!

Totte: Ich würde auf jeden Fall die Clubs, die den Nachwuchs fördern, finanziell unterstützen. Und ich würde die Elbphilharmonie in Proberäume umwandeln! Die soll ja sehr gut klingen…

 

Träumen wir mal weiter: Wenn ihr selbst ein Konzert in Hamburg organisieren dürftet, wen würdet ihr buchen?

Pensen: Auf Tom Waits hätten wir glaube ich beide Bock.

Totte: Auf jeden Fall! Und ich würde ja The Who gerne mal live sehen. Aber kommen die nicht eh alle schon nach Hamburg?

Pensen: Dann vielleicht Paul McCartney.

Totte: Kann man da nicht ein Festival machen, mit Tom Waits, The Who und Paul McCartney?

Pensen: Genau, und das machen wir am Elbstrand. Die Bühne ist auf einem Ponton und das Publikum sitzt am Strand am Lagerfeuer. Dafür ist der Elbstrand natürlich viel zu klein, deshalb müsste das eine Woche lang gehen. Oder noch besser einen ganzen Monat.

 

Falls das doch nicht klappt – bei welchem Hamburger Konzert würdet ihr im April gerne auf der Gästeliste stehen?

Totte: Ich würde gerne am 28. April zu Rocko Schamoni in die Fabrik gehen, weil ich großer Studio Braun Fan bin, und zu Jochen Distelmeyer am 9. April im Knust. Ich mochte ja Blumfeld sehr gerne.

Pensen: Ich auf jeden Fall bei Method Man & Redman am 29. April in der Großen Freiheit! Und dann würden wir zusammen noch zu A-ha am 14. April in die Barclaycard Arena gehen, oder Totte? Das ist natürlich unfassbar cheesy, aber die haben tolle Popsongs gemacht.

Totte: Das ist so was, was man nachts um drei im Bandbus hört und mit leuchtenden Augen und echter Freude mitsingt.

 

Habt ihr noch ein letztes Wort an die Hamburger Clubgänger?

Totte: Geht auf Konzerte und missioniert eure Freunde!

Pensen: Genau, denn eine Band live zu sehen, ist einfach etwas anderes, als eine Platte zu hören. Ich sag mal so: Live is live!

 

Das Interview führte Nadine Wenzlick.

 

 

ZUR BAND

Die Anfänge der Gruppe liegen beim Hamburger Rockspektakel 2003: Eigentlich sollten die Mitglieder dort alle einzeln auftreten, allerdings beschlossen sie spontan den Auftritt gemeinsam zu absolvieren. Die Monsters of Liedermaching waren geboren. Seitdem hat die Band die Liedermacherkunst perfektioniert und fast jedes Jahr ein neues Album aufgenommen. Ihr jährliches Konzert im Logo sowie das „Katerkonzert“ am nächsten Morgen sind längst Kult. Wenn sie nicht mit den Monsters auf der Bühne stehen, sind die sechs Mitglieder solo oder in Bands wie Das Pack und Die Schröders aktiv.

www.monstersofliedermaching.de

 

ZUR MUSIK

Eineinhalb Jahre haben die Monsters of Liedermaching pausiert, um sich anderen Projekten zu widmen. Ihr neues Album trägt deshalb nun den programmatischen Titel „Wiedersehen macht Freude“. Wie immer wurde es live auf Tour aufgenommen. Die 17 Songs handeln laut Pensen und Totte von Verständigung und Verständnis: von „niedlichen Tieren, der NSA, dem ‚Fisseln’, innerlicher Unruhe, von Einsamkeitsgefühlen durch Nachbarn, die Sex haben, von Cola-Korn und dem Landleben“ – verpackt in abwechslungsreichen Liedermacher-Stücken.

 

 

MONSTERS OF LIEDERMACHING live in Hamburg

Datum: 30. April // 1. Mai 2016 Ort: Logo

Einlass: 20 Uhr // 14 Uhr Beginn: 21 Uhr // 15 Uhr

Tickets: ausverkauft

 

Konzerte, Partys, Tipps und Interviews findet ihr im CLUBPLAN. Jeden Monat neu in allen teilnehmenden Clubs, Konzertkassen,  Hostels, Plattenläden, Tourist Infos und online.

Im Club mit - Bosse

Clubplan: Im Club mit … Bosse

 

Jeden Monat sprechen wir mit einer Hamburger Band oder einem/einer KünstlerIn über die hiesige Clublandschaft. Diesen Monat mit Axel Bosse.

 

Dein neues Album trägt den Titel „Engtanz“. Wann warst du das letzte Mal „engtanzen“?

Bosse: Vor einigen Wochen im „Krug“ auf St. Pauli. Das ist eigentlich ein Restaurant, aber sobald alle aufgegessen haben, werden die Tische zur Seite geschoben, der Koch baut sein DJ-Set auf und legt richtige Schwof-Musik auf – von Rod Stewart bis zum Faith No More Cover von „Easy“ – und dann wird getanzt! Man hat schon den fünften Rotwein drin, lecker gegessen und irgendwie ist das echt gut.

 

Gehst du generell gerne tanzen?

Bosse: Ja, allerdings gehe ich sonst komischerweise am liebsten alleine tanzen. Das war schon immer so, schon in meiner frühsten Jugend. Bei uns auf dem Dorf gab es nicht viel, aber mittwochs bin ich immer ins „Schlucklum“ im Nachbardorf Lucklum gegangen. Da war sonst niemand, der mit mir zur Schule ging, und ich konnte tanzen und verloren gehen. Im Schlucklum habe ich auch meine ersten Konzerte gesehen, und Moses Schneider kennen gelernt. Das war ein super Laden.

 

Wo gehst du heute gerne hin, wenn du in Hamburg ausgehst?

Bosse: Meistens fangen die Abende im Familieneck an und enden in irgendeinem Club. Letztes Wochenende war ich im Golem, das hat mir sehr gut gefallen. Da waren zwei DJs gleichzeitig – einer hat Keyboard gespielt und der andere hat aufgelegt. Das war mega. Leider war ich zu betrunken, um mich zu erinnern, wie die DJs hießen (lacht).

 

Was macht einen guten Club aus?

Bosse: Unterschiedlich. Früher dachte ich immer, es muss ein alter, zerrockter Laden sein und erst dann kommt man in Stimmung. Inzwischen weiß ich, dass manche Leute auch aus einem super neuen Laden etwas richtig Gutes machen können. Zum Beispiel eben das Golem. Wichtig sind die Musik, die Tür – also dass jeder rein kommt – und die Leute. Oft bedingt das eine ja das andere. Wenn die Musik gut ist, bleiben die netten Leute. Wie die Wände aussehen, ist dann ziemlich egal.

 

Wie würdest du die Hamburger Clublandschaft beschreiben?

Bosse: Allen Berlinern würde ich erzählen, wie toll es ist, dass man hier nicht drei Stunden von einem Laden zum anderen braucht, sondern alles zu Fuß abgehen kann. Davon abgesehen finde ich die Clublandschaft in Hamburg sehr bunt. Und ich finde hier knarzt das Holz mehr als in anderen Städten. In der Großen Freiheit oder im Docks zum Beispiel spürt man einfach, dass das richtig alt eingesessene Läden sind. Das werden dort auch andere Konzerte. Wenn ich in einer neu hochgezogenen Mehrzweckhalle spiele, habe ich oft das Gefühl, dass da keine Seele drin steckt.

 

Welches deiner Hamburg-Konzerte wirst du nie vergessen?

Bosse: Da gibt es bestimmt fünf Stück. Zum Beispiel das erste Mal im ausverkauften Uebel & Gefährlich. Mein zweites Album lief damals echt scheiße, aber zu der Show kamen 900 Leute! Oder das Konzert in der Sporthalle, bei dem wir mein Live-Album aufgezeichnet haben. Ich erinnere mich aber auch noch gut an mein allererstes Hamburg-Konzert im Logo. Da ist direkt vor dem Sänger ja dieser Pfosten (lacht). Ich könnte jetzt noch etliche Abende aufzählen.

 

Sind Hamburg-Shows für dich etwas Besonderes?
Bosse: Ja immer. Ich kann gar nicht sagen, warum. Irgendwie lief es zwischen uns und den Hamburgern immer. Vielleicht, weil Delta Radio meine Songs schon gespielt hat, als es niemand sonst getan hat. Und mittlerweile ist es ja auch ein Heimspiel für mich: Ich wohne jetzt seit zehn Jahren in Hamburg und fühle mich hier echt Zuhause.

 

Mal angenommen du würdest zum nächsten Kultursenator gewählt werden, was wäre deine erste Amtshandlung?

Bosse: Ich würde eine Kulturförderung für Proberäume schaffen. Das ist das, was ich in Hamburg immer wieder höre: Die Bands haben noch nicht mal einen Führerschein und müssen bis hinter Hamm fahren, um da zu proben – und selbst das ist unbezahlbar. Kleinere Städte kriegen das oft besser hin. In Braunschweig zum Beispiel gibt es vier Jugendzentren mit jeweils 35 Proberäumen. Wir haben für unseren damals 13 Mark oder so bezahlt und geprobt, bis der Arzt kam. Übrigens zahlen mindestens fünf der Leute von damals heute echt gute Steuern – das würde ich als Argument für meine Kulturförderung anführen.

 

In der Newcomer-Förderung bist du schon jetzt sehr aktiv: Als Support für deine Shows wählst du stets lokale Newcomer-Bands aus. Warum?

Bosse: Ich fand es früher immer so bescheuert, wenn ich Leuten Musik gegeben habe, und dann nie wieder etwas gehört habe. Ich muss zugeben, dass ich nicht immer allen antworten kann. Ich habe für diese Tour bestimmt 1000 Bewerbungen bekommen, kein Witz. Aber ich höre mir alles an! Ich bin jetzt bei Band 500. Da sind durchaus einige bekannte Bands dabei, aber auch welche, die noch nie gespielt haben. Daraus wähle ich dann die besten aus, und jeder darf drei bis vier Abende spielen.

 

Wenn du selbst ein Konzert in Hamburg organisieren dürfest, wen würdest du buchen und in welchen Club?

Bosse: Ich würde auf jeden Fall in die Freiheit gehen und schon nachmittags anfangen – und zwar mit Agnes Obel. Danach würde ich The XX spielen lassen, und dann The Pixies. Als nächstes wären Kettcar dran, und zum Abschluss noch Haftbefehl. Eine ganz schön asoziale Veranstaltung eigentlich – fängt so melancholisch an und hört so aggressiv auf (lacht). Aber eigentlich ganz schön, oder?

 

Bei welchem Konzert würdest du im März selbst gerne auf der Gästeliste stehen?

Bosse: Bei dem Konzert von Romano am 5. März im Mojo Club, denn meine Tochter ist riesiger Fan. Sie ist jetzt neun und geht so krass auf Konzerte ab. Wir waren auch schon bei Deichkind und Cro. Ansonsten würde ich noch zu Peter Licht am 6. März auf Kampnagel, und zu Lou Doillon am 9. März im Uebel & Gefährlich. Das ist eine Schauspielerin aus Frankreich, die ist richtig gut. Und zu Boy & Bear am 7. März im Uebel & Gefährlich.

 

Hast du noch ein letztes Wort für die Hamburger Clubgänger?

Bosse: Nehmt Deo (lacht).

 

 

 

ZUR PERSON

Axel Bosse wurde 1980 in Braunschweig geboren und wuchs in Hemkenrode auf. Im Alter von 17 Jahren unterschrieb er mit seiner damaligen Schülerband Hyperchild einen Plattenvertrag beim Major-Label Sony Music Entertainment, doch nach zwei Jahren löste die Band sich wegen kreativer Differenzen auf. Bosse startete daraufhin seine Solokarriere. 2005 veröffentlichte er sein Solodebüt „Kamikazeherz“, sein bisher größter Erfolg war sein fünftes Album „Kraniche“, das 2013 Platz 4 der deutschen Charts erreichte. Im gleichen Jahr gewann Bosse zudem den Bundesvision Song Contest. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter lebt der 35-Jährige in Hamburg.

www.axelbosse.de

 

ZUR MUSIK

„Engtanz“, das sechste Album von Bosse, ist am 12. Februar bei Universal erschienen. Bosse selbst bezeichnete es als „energetischer“: Die melodieverliebten und zumeist temporeichen Songs sind tanzbar, von Gitarren geprägt und mit Streichern verziert. In den Texten derweil gibt Bosse sich höchst nachdenklich: Es geht um verpasste Chancen, aber auch um Vergänglichkeit und Abschied. „Ich wollte ein Album machen“, so Bosse, „das meinen Alter und dem, was in mir so passiert, entspricht. Sonst ging es in meinen Songs oft um Themen wie Freundschaft und Liebe, aber dieses Mal habe ich versucht so tief in mich rein zu gucken, wie es nur ging.“

 

Das Interview führte Nadine Wenzlick.

 

BOSSE live in Hamburg

 

Datum: 9. Dezember 2016 Ort: Sporthalle

Einlass: 18.30 Uhr Beginn: 20 Uhr

Tickets: 37,55 Euro

 

Konzerte, Partys, Tipps und Interviews findet ihr im CLUBPLAN. Jeden Monat neu in allen teilnehmenden Clubs, Konzertkassen,  Hostels, Plattenläden, Tourist Infos und online.